Es ging auf Neumond zu, und um 01:00 Uhr nachts herrschte entsprechende Dunkelheit. Am Rande des Rollfeldes wartete ein schwarzer Chevrolet-Van mit verspiegelten Scheiben, bis aus dem Flugzeug mehrere Personen ausstiegen. Eine Gestalt, die Hände auf den Rücken gefesselt, links und rechts flankiert von schwarz gekleideten Bewachern, wurde über die Landebahn Richtung Fahrzeug geführt. Über den Kopf hatte man ihr einen dunklen Sack gezogen. Es dauerte keine Minute, bis die Personen in den Van eingestiegen waren, der sich nun langsam in Bewegung setzte.

Die Fahrt zum Barackenlager war kurz. Es war umgeben von einem mannshohen, massiven Zaun, oben zusätzlich gesichert mit messerscharfem T-Draht. Hinter dem Zaun lag ein befahrbarer Kontrollstreifen, dann mehrere Reihen Tannen, die einen näheren Blick auf die dahinter liegenden Holzbaracken verwehrten. Erkennbar befanden sich die äußeren Sicherungseinrichtungen der Anlage, im Gegensatz zu den Holzbaracken, in gutem Zustand befanden.

„Stopp!”, rief der mit einer Maschinenpistole bewaffnete Wachposten am Eingangstor. An seinem Tarnanzug fehlten die Hoheitsabzeichen, so dass kein Hinweis auf die Nationa-lität möglich war. Langsam rollte der Van auf das Tor zu, der Fahrer hielt seinen Ausweis hoch, ohne das Fenster ganz herunterzulassen. Daraufhin salutierte der Posten zackig und ließ das Fahrzeug passieren. Offenbar war er über den Transport instruiert.

*

Fünf Stunden hatte das Verhör gedauert. Für den Spezialisten Ted Branigan normalerweise reine Routine. Er war zuständig für solche Aktionen in Zentral-Europa und hatte Derartiges schon hunderte Male durchgeführt. Je nach Situation wendete er verschiedenste Techniken an, um an die gewünschten Informationen zu kommen. Doch heute war es nicht so gelaufen wie sonst immer. Das Problem war die Zeit. Die Informationen wurden dringend gebraucht.

„Verdammte Scheiße!”, Ted Branigan zog seine blutverschmierten Lederhandschuhe aus und warf sie auf den Betonboden. Sichtlich sauer schnappte er sich sein Satellitentelefon.

„Peter soll mich auf einer abhörsicheren Leitung zurückrufen! … Ja! Sofort!”
Branigan wirkte angespannt, als er auf den Rückruf wartete. Einen Moment später klingelte das Telefon. Beim zweiten Klingelzeichen hatte er das Gerät bereits am Ohr:
„Ja?”
„Ted, was ist los?”, fragte Peter Redman am anderen Ende.
„Du weißt, wo ich gerade bin?”
„Ja, an einem ruhigen Ort, um Informationen zu sammeln”, antwortete Redman.
„Exakt. Ich habe versucht, Neuigkeiten aus dem Huntsman rauszuquetschen. Anfangs hat er wie erwartet auf die Behandlung reagiert”, teilte Branigan seinem Kollegen mit. Sein Gesichtsausdruck zeigte keine Spur von Mitgefühl, für ihn war es einfach nur ein Job. „Er hat gewimmert und gefleht. Und in den ersten Stunden hat er unsere Fragen zufriedenstellend beantwortet.”
„Welche Ergebnisse habt ihr?”
„Wir wissen nun, wo er die Unterlagen und Informationen versteckt hat. Aber in der Sache konnten wir nichts Neues aus ihm rauskriegen. Er hat genau das ausgepackt, was wir schon vorher wussten.” Nach einer kurzen Pause fuhr Branigan fort: „Wir hatten nur noch gut zwei Stunden Zeit, darum haben wir härtere Methoden angewendet.”
„Und? Was hat das gebracht?”
„Nun ja … Vielleicht habe ich ihn schlecht getroffen? … Vielleicht war er labil? … Mitten in der Vernehmung sackte er jedenfalls zusammen. Und das war's.”
„Er ist tot?”
„Ja, verdammt. Ich konnte doch …”
Weiter kam Branigan nicht.
„Du Vollidiot!”, zischte Redman wütend.
Dann war es still in der Leitung. Branigan wusste, dass er einen dramatischen Fehler gemacht hatte. Das hätte ihm nicht passieren dürfen. Aber bei Befragungen dieser Art, auch noch unter Zeitdruck, blieben immer Risiken. Und der Huntsman hatte offenbar ein schwaches Herz gehabt, das der brutalen Prozedur nicht standhielt.

„Ihr wisst also nicht mehr, als wir aus den Papieren schon kennen?”, nahm Peter Redman das Gespräch nach ein paar Sekunden wieder auf.
„Nein.”
„Hat er Namen genannt? Wer wusste außer ihm von der Gold-Geschichte?”
„Er erzählte etwas von einem Miller, der Kontakt zu ihm aufgenommen habe. Aber der Name ist vermutlich falsch, und beschreiben konnte er ihn auch nicht, weil er ihn nie persönlich getroffen hat.”
„Und woher hatte er die Unterlagen?”
„Auch das wusste er angeblich nicht. Er sagte, sie wurden an der Rezeption seines Hotels abgegeben.”
„Verdammter Mist, das bringt uns nicht weiter!”, fluchte Redman.
Er ließ sich von Branigan noch erklären, wo der Huntsman die Unterlagen und die Informationen versteckt hatte, dann gab er ihm neue Instruktionen: „Ted, ihr müsst ihn zurück nach Berlin schaffen, und das schnell. Nichts darf auf eine Befragung schließen lassen.”
Er zögerte einige Sekunden … „Habt ihr einen Plan?”
„Ja, haben wir.” Ted Branigan hatte mehrere Möglichkeiten im Kopf, wie man eine dermaßen übel zugerichtete Person loswurde, ohne viele Fragen zu provozieren. Liefe alles nach Plan, würde auf dem Totenschein nur stehen Todesart: nicht natürlich durch Suizid. Eine oberflächliche Inaugen-scheinnahme durch einen Pathologen, der aus finanziellen Motiven nicht so genau hinsah, würde nichts anderes ergeben.
„Die nächsten Schritte besprechen wir, wenn das erledigt ist. Und jetzt keine Fehler mehr, verstanden!” Peter Redman beendete das Gespräch, ohne eine Antwort abzuwarten.
Ted Branigan steckte sein Telefon in die Hosentasche.
Ein zweiter Mann, er hatte etwas abseits in einer dunklen Ecke gesessen und das Verhör die ganze Nacht lang schweigend verfolgt, stand jetzt auf, drehte seinen Kopf leicht nach links. Ein deutliches Knacken seiner Halswirbel war hörbar. Zusammen mit Ted Branigan verließ er den Raum.
Ted musste sich jetzt darum kümmern, dass alles ordentlich aufgeräumt wurde.